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Berufseinblick Kinästhetikbeauftragte

Kinästhetik – neues Pflegeverständnis durch Bewegungslehre

"Das wird in der Pflege angewendet und hat irgendwas mit Bewegung zu tun. Es soll den Rücken schonen, ist aber glaube ich ganz schön kompliziert." So oder so ähnlich würden die meisten wahrscheinlich auf die Frage antworten, was Kinästhetik ist. Die Erklärung von Joy Rüther ist da deutlich präziser. Als Kinästhetikbeauftragte der St. Elisabeth Gruppe möchte sie den Pflegekräften zeigen, wie sie das Konzept für sich im Arbeitsalltag nutzen können und welche zahlreichen Vorteile es für Pflegekräfte und Patienten mit sich bringt.

"Bei Kinästhetik handelt es sich um eine Bewegungslehre", erklärt Joy Rüther. "Sie zeigt, wie wir unsere Bewegungen besser wahrnehmen und somit deren Qualität optimieren können. Als Pflegekraft ist man den ganzen Tag in Bewegung. Gleichzeitig unterstützt man aber auch andere Menschen dabei, sich im Rahmen ihrer alltäglichen Aktivitäten zu bewegen. Daher lassen sich die Erkenntnisse dieser Lehre sehr gut in den Pflegealltag übertragen." So beantwortet die Kinästhetik in der Pflege vor allem eine Frage: Wie kann man sich selbst möglichst ökonomisch und körperschonend bewegen und gleichzeitig den Patienten dabei unterstützen, sich im Rahmen seiner Möglichkeiten aktiv zu beteiligen?

Verändertes Menschenbild in der Pflege
Dabei setzt die Kinästhetik ein gewisses Menschenbild voraus. "Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch anders und ein Experte für seine eigene Bewegung ist. Daher gibt es in der Kinästhetik auch keine Patentrezepte. Wenn sich also beispielsweise ein Patient im Bett aufrichten soll, schreiben wir ihm nicht vor, was er tun soll und ziehen ihn auch nicht einfach am Oberkörper hoch. Stattdessen unterstützen wir den Patienten in seinem eigenen Bewegungsmuster", erklärt die ausgebildete Trainerin.

"Ich frage den Patienten, wie er sich im häuslichen Umfeld aufsetzen würde und binde somit seine eigenen Ressourcen ein.Wenn die gewohnten Bewegungsmuster jedoch aufgrund einer neu aufgetretenen Krankheit oder in Folge einer Operation nicht mehr zum Ziel führen, bietet die Kinästhetik sogenannte Konzept-Blickwinkel. Damit lässt sich die betreffende Bewegung analysieren, um so Ideen zu entwickeln, wie man sie anders ausführen könnte. Auf dieser Basis erarbeiten wir dann eine gemeinsame Strategie." Das bedeutet auch eine gesteigerte Lebensqualität für den Patienten: "Wir Menschen wollen von Beginn unseres Lebens an autonom handeln. Wenn ein Kind gelernt hat, selbst den Löffel zu halten, möchte es ab diesem Zeitpunkt selbstständig essen, auch wenn die Versuche manchmal missglücken", erklärt Joy Rüther. "Hat man einmal verstanden, dass der Mensch sein Verhalten und seine Bewegung selbst steuert, verändert dieses Verständnis die pflegerische Unterstützung grundlegend."

Von der Grundhaltung profitieren

Ein Argument, das häufig gegen den Einsatz von Kinästhetik in der Pflege hervorgebracht wird, ist die fehlende Zeit im Arbeitsalltag. Joy Rüther ist selbst ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin und hat lange Zeit als solche gearbeitet. Sie weiß natürlich, dass es nicht immer leicht ist, die Kinästhetik konsequent umzusetzen. Darin sieht sie jedoch kein Argument gegen die Anwendung des Konzeptes in der Pflege: "Natürlich schafft man es nicht zu jedem Zeitpunkt und bei jedem Patienten, eine aufwändige Mobilisation durchzuführen. Durch die Kinästhetik erlangt man jedoch eine gewisse Grundhaltung, von der man stets profitiert. Man kann sich z. B. angewöhnen, es den Patienten grundsätzlich erst einmal selbst versuchen zu lassen, bevor man eingreift. Das aktiviert den Patienten und schont die eigenen Kräfte", so Rüther.

Rückenschonend arbeiten
Viele Menschen verbinden mit dem Begriff der Kinästhetik ein rückenschonenderes Arbeiten. "Dass Kinästhetik den Rücken schont, resultiert aus der neuen Achtsamkeit, die die Pflegekraft für ihren eigenen Körper und ihre Bewegungen entwickelt", erklärt Joy Rüther. "Wenn es beschwerlich ist, einen Patienten, der sich nicht bewegen kann, auf die Seite zu drehen, ist das ein Zeichen dafür, dass die Tätigkeit nicht rückenschonend ist."

"In den Kinästhetik-Kursen erarbeite ich beispielsweise mit den Pflegenden, wie sie sich selbst auf die Seite drehen würden. Dabei entdecken wir, welche Gliedmaßen üblicherweise zuerst bewegt werden, um die schwereren Körperteile mitzunehmen und in welche Richtung sich die einzelnen Teile bewegen. Wenn derjenige dies verinnerlicht hat, hat er auch am Bett des Patienten Ideen, um die Aktivität schonender für sich und nachvollziehbarer für den Patienten zu gestalten."

Aha-Momente schaffen
"Kommen Sie nochmal wieder?" - Diese Frage hat Joy Rüther in den letzten Jahren schon häufig aus dem Mund von Patienten gehört. Nicht zuletzt deswegen ist sie von dem Konzept der Kinästhetik absolut überzeugt: "Durch Kinästhetik habe ich wieder Freude in meinem Beruf gewonnen und meinen Job neu verstanden. Ich habe begriffen, dass Hilfe nicht bedeutet, automatisch zu übernehmen, sondern Hilfe zur Selbsthilfe sein sollte. Zu sehen, wie man dadurch die Lebensqualität des Patienten steigern kann, ist ein tolles Gefühl." Dieses Gefühl möchte sie als Trainerin an ihre Kolleginnen und Kollegen weitervermitteln. Als sie vor rund sechs Jahren davon hörte, dass die Kinästhetik in der St. Elisabeth Gruppe implementiert werden soll, schlug sie sofort vor, die Trainerausbildung zu absolvieren und die Aufgabe zu übernehmen. Seitdem bietet sie Kurse für alle Auszubildenden und Mitarbeiter an und geht auch auf die Stationen, um das Gelernte dort mit ihnen zu vertiefen. "Es ist immer ein Highlight für mich, wenn die Pflegekräfte in der Praxisbegleitung ungeahnte Fähigkeiten in ihren Patienten entdecken und diese in die Aktivität mit einbinden. Manchmal sind sie dann selbst total erstaunt darüber, dass sie den Patienten kaum berühren mussten, damit er aufgerichtet im Bett sitzt. Das ist dann so ein richtiger Aha-Moment."

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